Von 2016 bis 2024 habe ich für 7 verschiedene Athleten M/F vor und an 6 verschiedenen Langstreckenrennen Support geleistet und für mehrere weitere Athleten und Rennen diverse Unterlagen erarbeitet.
Vorher war ich 11 Jahre lang als Vizepräsident und Race Director bei einem internationalen Langstreckenevent involviert - ich meine also zu wissen, von was ich schreibe.
Total über 7'700 Km, oder 380 Stunden crewing als Follow-Car Fahrer, Navigator, allgemeiner Helfer oder Wohnmobil-Fahrer an Rennen.
Dazu kommen noch mehrere 1000 Kilometer als Auto / Wohnmobil-Kutscher auf dem Weg zum Start oder nach dem Ziel.
Bei jedem Einsatz habe ich dazugelernt, es war jedes mal ein einzigartiges Abenteuer aber auch bei einem Drittel der Einsätze eine mehr oder weniger grosse Enttäuschung - trotzdem, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, wäre ich wieder dabei.
Ich habe mir erlaubt, das Umfeld meiner Einsätze nach verschiedenen Kriterien auf einer Skala von 1 - 6 zu benoten - nach meinem subjektiven Empfinden.
Ich benutze hier nur die männliche Form, damit keine Rückschlüsse auf Teammitglieder oder Athleten vorgenommen werden können - einige werden sich selbst wiedererkennen. Jedoch erlaube ich mir, die Veranstalter beim Namen zu nennen und in der Reihenfolge meiner Teilnahmen einzeln zu bewerten. Auch hier mein subjektives Empfinden - andere dürfen gerne anderer Meinung sein.
Es geht mir hier nicht darum, Organisationen, Teams oder Athleten durch den Kakao zu ziehen oder zu jammern, sondern lediglich um Fehler und Probleme aufzuzeigen und daraus zu lernen.
Vorbemerkungen zur Organisation allgemein: Diese ist niemals perfekt, deshalb auch nirgends eine blanke 6.
Und zur Organisation der Veranstalter: Die Kommunikation mit den Athleten und Teams gestaltet sich meistens mühsam. Zum Teil wurden teilweise Informationen beim gleichen Event über verschiedene Kanäle verteilt - mitlesen für Teammitglieder nicht möglich... Eine Ideale Lösung wäre hier ppush.eu - jeder interessierte (Athleten, Crew, Presse, Behörden) kann Benachrichtigungen anonym abonnieren - der Veranstalter muss lediglich einen Kanal eröffnen und entsprechend kommunizieren.
Was mich auch stört, dass gewisse Veranstalter ihre Navigationsdaten als Staatsgeheimnisse behandeln.
Navigationsdaten, Standorte der Checkpoints und Roadbooks sollten ganzjährig öffentlich und kostenlos verfügbar sein - allenfalls als "Preliminary" - nur so kann der Athlet sein Rennen vernünftig planen.
Organisation - Veranstalter
Race across America (2016)
Die Mutter aller modernen Langstreckenrennen ist auch ein Musterbeispiel in Sachen Organisation und Information.
Alle Informationen sind jederzeit von der Homepage mindestens als preliminary abrufbar.
Auch die Organisation vor dem Start ist genau, straff und zweckmässig - das gleiche gilt für die Unterstützung der Zentrale während dem Rennen.
Ich würde mir wünschen, dass "Time Station Data" auch als .xls oder .csv vorliegen würde und dass es .einzelne gpx-Daten pro Etappe (TS - TS) inklusive TS-Daten und Turns geben würde - idealerweise mit Change-Log.
Race across Germany (2018)
Gut organisiert, Unterlagen sind auch für nicht angemeldete (auf Anfrage) erhältlich.
Zweckmässiges Briefing, interessante Strecke und gute Betreuung durch den Organisator.
Einziges Problem waren die vielen Baustellen und zum Teil kilometerlangen Umleitungen auf der Strecke - dort wäre ein besseres Strecken-Scouting und Informationen angebracht.
Adriatic Marathon 1 (2018)
(Erste Austragung)
Von den rund 50 auf der Startliste (waren wohl interessierte) waren keine 20 am Start und lediglich 11 im Ziel. Informationen wurden nur an Angemeldete (interessierte?) abgegeben.
Anfragen per Mail wurden nicht beantwortet. Vor dem Start gab es weder ein Briefing noch eine technische Abnahme. Die Navigationsunterlagen waren eine Katastrophe - Der Track führte sogar auf eine Autobahn und im Hinterland von Bari in den Dörfern diverse Male verkehrt durch Einbahnstrassen und durch so enge Gassen, dass für Begleitfahrzeuge kein Durchkommen war.
Race across Italy (2019)
Relativ kurz, trotzdem sehr anspruchsvoll und in einer schönen Landschaft.
Ansprechend organisiert. Navigationsdaten sind auf Komoot und müssen kostenpflichtig heruntergeladen werden. (ich hatte sie damals auf Anfrage hin per Mail bekommen)
Das Briefing war mehr Werbung als Facts - italienisch halt, aber pünktlich und einiges besser als am Adriatic Marathon.
Race Across France (2022)
Von allen vollmundig angekündigten Unterlagen war am Schluss nur ein GPS-Track vorhanden (welcher am Morgen des Starttages noch auf einer längeren Strecke geändert wurde...)
Teilstücke der Strecke waren für Begleitfahrzeuge kaum, und für Wohnmobile überhaupt nicht befahrbar - die versprochenen Alternativstrecken wurden nicht geliefert.
Die Infrastruktur der Kontrollpunkte wurde zum Ziel hin immer schlechter und das "Finishers-Dinner" war seinen Preis auf jeden Fall nicht wert. Organisation à la française...
Das RAF kann aktuell nur noch "Self-Supported" bestritten werden.
Adriatic Marathon 2 (2022)
12 Starter - 9 Finisher
Diesmal gab's ein Briefing. Es startete mit über einer Stunde Verspätung und war eine endlos lange Selbstbeweihräucherung der Organisation - am Schluss gab es noch im Eilzugstempo Hinweise auf ein Dutzend Gefahrenstellen und Navigationspunkte.
Die Streckenführung wurde verbessert und führte bei Bari dem Meer entlang. Die Kommunikation war nicht besser als 2018... Und die Finisher-Ehrung glich dem Briefing.
Schade für die interessante Strecke - der Event existiert unterdessen nicht mehr
Race around Austria (2024)
Gute Organisation sowie brauchbare Unterlagen - das RAA ist zweifellos mit dem Mix aus Distanz, Höhenmetern und Landschaft das interessanteste und anspruchsvollste Extrem-Event in Europa.
Mit 11 Solo-Startern 2024 und 18 Solo-Startern 2025 allerdings nicht Weltmeisterschaftswürdig.
Navigationsdaten wurden erst eine Woche vor dem Event (zu spät) zur Verfügung gestellt. Die Koordinaten der Timestations waren auch nach mehreren Anfragen nicht erhältlich, obwohl sie für das Tracking vorhanden sind.
Mit meinem Vorschlag, man möchte doch die Timestations und die Tacho-Nullstellung im Routebook synchronisieren, bin ich an die falsche Adresse gekommen. In guter K & K Manier ("will er uns belehren?") wurde mir beschieden, dass ich wohl keine Ahnung hätte und das Routebook sowieso nicht gebraucht werde... Nachdem ich noch eine kritische Bemerkung auf Facebook gemacht habe, wurde ich "blacklisted".
Ich würde mir komplette, durchdachte und zeitgerechte Unterlagen, sowie etwas weniger Arroganz wünschen.
Organisation - Athlet / Team
Knapp die Hälfte gute Organisation, gute Infrastruktur und klare Kommunikation. Die Negativpunkte:
Zu kleine Teams - 2 Mann für eine Fahrt von über 1000 Km oder auch Teams bei denen eine geordnete Ablösung mangels Personal nicht möglich war.
Ungeeignete oder zu kleine Begleitfahrzeuge. Wenn kein Wohnmobil dabei ist, muss der dritte Begleiter liegen können.
Chaos im (zu kleinen) Begleitfahrzeug, ungenügende und/oder qualitativ schlechte Technische Ausrüstung.
Ungenügendes Zeitbudget - Nachtfahrten vor dem Rennen und dadurch schon am Start müde.
Ungenügende Kommunikation - bei grösseren Teams sollte ein kurzes Briefing jeden Morgen bzw. bei jedem Teamwechsel Pflicht sein.
Team - Qualität
Zwei Drittel der zusammengewürfelten Teams, welche sich vorher nicht oder kaum gekannt hatten, haben gut harmoniert, alle sind aufeinander eingegangen und haben sich gegenseitig unterstützt.
Negativerfahrungen: Ein schreiendes Nervenbündel als (selbsternannter) Teamchef, welcher sich damit brüstete "Kraftfahrzeugmeister" zu sein, aber zum Wechsel eines Schlauches eine Viertelstunde benötigte.
Und ein grosses Team mit vielen Alphatieren, - schon vor dem Start gab es Intrigen - welches nach dem Misserfolg auseinanderfiel; Alkoholexzesse, kleine perfide Sticheleien bis zu plötzlichen ungerechtfertigten Wutausbrüchen waren die Folge.
Athlet - Sportlich
Alle gut trainiert und fit, die DNF's waren auf momentane physische oder psychische Probleme zurückzuführen.
Zu denken gab mir allerdings der Athlet, der pro 100 Km einen Liter Bier (mit Alkohol!) "getankt" hat.
Und das schreiende Nervenbündel welcher trotz Garmin auf dem Lenker nicht in der Lage war ohne Anweisung über einen Kreisverkehr der Hauptstrasse zu folgen, aber bei dichtem Verkehr auf Teufel komm raus Autos rechts überholte und sich dann wunderte, wenn das Begleitfahrzeug nicht mehr hinter ihm war.
Athlet - Menschlich
Die meisten Athleten waren bescheiden, dankbar und grosszügig,
Danke für die Einladungen zu Helferessen und späteren Treffen - da wo ich es am wenigsten erwartet hätte, wurde ich eingeladen.
Es gab aber auch einen, offensichtlich sehr armen, der plötzlich nicht einmal mehr in der Lage war, meine Spesen voll zu vergüten.
Und einen anderen, für den ich in einer (zu kleinen) Crew mitgefahren bin und vor dem Rennen und für weitere Rennen davor und danach viele Unterlagen erarbeitet habe, bei dem ich bis jetzt auf den vollmundig versprochenen Helferapéro warte. Bemerkung dazu: Seit ich mich geweigert habe, im Vorfeld eines Rennens eine aufwändige und völlig sinnlose Arbeit (natürlich gratis und franko...) abzuliefern, bin ich "geghostet".